Worum es geht
Aleksej ist ehrgeizig, wissbegierig und überzeugt davon, dass ihm viele Wege offenstehen. Er studiert, boxt auf Leistungsebene, reist durch die Welt und versucht immer wieder, mehr aus sich und seinem Leben herauszuholen.
Dann beginnt sich seine Wahrnehmung zu verändern.
Blicke wirken plötzlich bedeutungsvoll. Gespräche bekommen einen zweiten Sinn. Zufälle scheinen miteinander verbunden. Was für andere kaum auffällt, fügt sich für ihn zu einer immer geschlosseneren Realität zusammen.
Bis er auf einer geschlossenen psychiatrischen Station landet. Die Diagnose: Schizophrenie.
Es folgen Rückfälle, Klinikaufenthalte und depressive Phasen. Doch seine Geschichte besteht nicht nur aus Krankheit. Sie handelt ebenso von Familie, Freundschaft und Liebe, von einem Auslandssemester in Singapur, der Arbeit in der Automobilindustrie, dem Abschluss seines Studiums und dem Weg in die Wissenschaft.
Zwischen Genie und Wahnsinn erzählt aus dem Inneren psychotischer Episoden und von der schwierigen Rückkehr in eine Welt, die nach jeder Krise vertraut und zugleich verändert erscheint.
Eine Geschichte über Ehrgeiz und Überforderung, über Menschen, die bleiben, über Hoffnung nach dem Kontrollverlust – und über den Versuch, ein Leben zu führen, das größer ist als die eigene Diagnose.
- 13Kapitel
- 322Seiten
- DeutschSprache
- 26. Oktober 2026Erscheint
Softcover, 19,90 € – bei Amazon vorbestellen.
Prolog
Zwischen zwei Welten
Ich stand am Anfang meines Studiums, motiviert, ehrgeizig – und überzeugt, dass ich nur etwas schneller denken, ein bisschen mehr leisten musste, um ganz vorne mitzuspielen. Und plötzlich dachte ich wirklich schneller.
Viel schneller.
Zuerst fühlte es sich an wie ein Geschenk: Ich verstand Konzepte, mit denen sich andere wochenlang aufhielten, innerhalb von Stunden. Ich half meinen Kommilitonen, als hätte ich das Fach studiert, nicht erst gerade damit begonnen. Bei der Vorbereitung auf die Prüfung im Fach Technische Mechanik saß ich mit einem Kommilitonen in der Bibliothek. Vor uns ein Stapel Übungsblätter. Er starrte verzweifelt auf die Gleichung, als wäre es eine längst ausgestorbene Sprache. Vor einigen Wochen noch hätte ich seine Verzweiflung nachvollziehen können. Doch mittlerweile hatte ich nicht nur das Konzept in Gänze verstanden. Ich musste mir die Formel, über die sich mein Freund den Kopf zerbrach, nicht herleiten. Ich sah sie. Als würde sich das dahinterliegende Prinzip vor meinen Augen entfalten. S1 gleich S2 mal e hoch μφ. Man sagt, dass Menschen exponentielle Steigungen nicht begreifen können. Ich musste es auch nicht. Klar war für mich: Ich sah, wie das Seil sich um die Rolle legte. Wie die Reibung es packte, aus einem kleinen Zug eine gewaltige Kraft entstand, wie die Kräfte sich vervielfachten. Diese Bilder nutzte ich, um meinem vermeintlich weniger talentierten Freund das Konzept zu erklären. „Stell dir vor, du hältst ein Seil in der Hand. Mit jedem Stück, das sich um die Rolle legt, verstärkt sich dein Griff – bis du mit zwei Fingern eine Last halten kannst, die du ohne das Seil nicht mal anheben könntest“ Er nickte, erst zögerlich, dann mit großen Augen. Für ihn war es plötzlich kein Rätsel mehr, sondern ein Trick, fast ein Zauber. Das, was der Professor nicht in der Lage war, in zwei Vorlesungen zu vermitteln, erklärte ich in fünf Minuten. Und während er staunte, spürte ich dieses Kribbeln: Ich war nicht mehr einer von vielen, ich war derjenige, der die Welt erklären konnte.
Auf dem Weg zur Mensa sprach mich dann eine Kommilitonin an, die ich kaum kannte. Ein belangloser Satz über das Wetter – und sofort verband mein Kopf es mit Klimawandel, Energieversorgung, Politik. Allein dieser kurze Monolog hätte als Grundgerüst für eine Abschlussarbeit gereicht. Ich redete in Metaphern, klug, kraftvoll, klar. Es gab für jeden Gedanken, der mir in den Sinn kam, eine logische Folge an weiteren Gedanken. Ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich dachte, in Zusammenhang stand. Ich war zuvor nicht besonders eloquent gewesen. Nun fiel es mir leicht, mit völlig Fremden Unterhaltungen zu führen, da jedes Stichwort und noch so abstrakte Thema zahlreiche Assoziationen weckte, die ich in der Lage war, wortgewandt an mein Gegenüber zurückzugeben. Meine Kommilitonin aber schien diese Eloquenz nicht zu würdigen. Sie lachte unsicher, nickte, etwas überfordert mit der Situation. Doch für mich war es ein Beweis: Ich konnte jedes Schlagwort in ein Netz von Bedeutungen ziehen. Jedes Gespräch war ein Tor zu etwas Größerem, eine Möglichkeit, eine neue Perspektive aufzuzeigen, die das Potenzial hatte, die Welt zu verändern.
Meine Überlegenheit zeigte sich auch in der Vorlesung. Der Professor stellte eine Frage, die im Raum hängen zu bleiben schien. Niemand meldete sich. Für mich war die Antwort klar. Ohne die Hand zu heben, gab ich die Lösung. Doch ich beließ es nicht dabei, ich führte das Problem weiter aus, wies auf eine Unstimmigkeit hin und stellte die Frage in einen größeren Zusammenhang. Während ich sprach, merkte ich, wie die Gesichter sich zu mir drehten, wie die Blicke länger auf mir ruhten. Ich hörte meine Stimme wie von außen. Flüssig. Sicher. Als hätte ich all das seit Jahren parat, als würde ich täglich mit Professoren über deren Fachgebiete diskutieren. Der Applaus blieb zwar aus, aber ich konnte es in ihren Augen sehen: Anerkennung, Respekt, Bewunderung. Für mich die erneute Bestätigung: Ich war auf einer anderen Ebene angekommen. Ich war ein Erstsemester, der bereits einen roten Faden für seine Dissertation vor Augen hatte.
Doch die Euphorie hielt nicht lange an. Es veränderte sich etwas. Der Scharfsinn wich Misstrauen. Ich hatte das Gefühl, dass meine Mitmenschen verstanden, dass ich unverhältnismäßig intelligent war. Und diese Intelligenz war eine Gefahr. Eine Gefahr für das System. Das System, dem ich mich mit Beginn des Studiums bereitwillig anschloss. Jede Bemerkung, jeder Blick, jedes Lachen. Alles in meiner Umwelt war auf mich bezogen. Ich war nicht mehr sicher.
Und tatsächlich: Meine Paranoia erreichte ein Ausmaß, das gefährlich wurde. Auf dem Weg zur ersten Prüfung fühlte ich mich verfolgt. Ich kannte den Weg zum Prüfungsort nicht, aber es war zu unsicher, das Navi eingeschaltet zu lassen. Ich versuchte mir so gut es ging die Route einzuprägen und schaltete vorsorglich mein Telefon ganz aus. Als ich das Gefühl hatte, dass ein Auto mir schon auffällig lange hinterherfuhr, erhöhte ich das Tempo, blinkte links und fuhr an einer Kreuzung rechts. Abgehängt. Doch mit meinem Verfolger hatte ich auch die Orientierung verloren. Ich war überzeugt: Es war zu gefährlich, mein Telefon wieder einzuschalten. Also versuchte ich den Prüfungsort ohne Navigation zu erreichen. Ich war in der richtigen Richtung unterwegs. Da war ich mir sicher. Der Ort war nicht groß. Die Trabrennbahn würde wohl jeder in Dinslaken kennen und mir eine entsprechende Beschreibung geben können. Ich war mir nur nicht sicher, wem ich trauen konnte.
Als ich schließlich der Wegbeschreibung einer alten Dame, die an diesem Morgen mit ihrem Hund spazierte und auf mich vertrauenswürdig wirkte, gefolgt war und in der Halle der Trabrennbahn ankam, war ich nicht ansatzweise so gestresst, wie es angesichts meiner Verspätung und der ausgeprägten Psychose angemessen gewesen wäre. Ich suchte in Ruhe meinen Namen auf der Liste, setzte mich auf den mir zugewiesenen Platz und las mir die Aufgabenstellungen durch. Schon beim ersten Lesen war mir klar, wie die Probleme zu lösen seien. Ich hatte meinen Fokus wiedergefunden. Wahrscheinlich nicht zuletzt dadurch, dass die Wirkung der Ritalin-Tablette, die ich vor der Fahrt nahm, einsetzte. Das sorgte dafür, dass ich ohne Ablenkung die Prüfung bearbeiten und trotz meiner Verspätung vorzeitig abgeben konnte. Doch nicht bevor ich auf die letzte Seite schrieb: „Ich habe die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet, wenn meine Antworten nicht richtig sind, liegt das nur daran, dass die Fragen fehlerhaft sind“
Nach der Prüfung machte ich mich schnell auf den Weg nach Hause. Für die eigentlich obligatorische Diskussion mit den Kommilitonen war keine Zeit. Glücklicherweise war der Weg zur Autobahn ausgeschildert, sodass ich mein Telefon mit seinen verräterischen Ortungsdiensten ausgeschaltet lassen konnte. Als ich zu Hause ankam, wollte ich gleich für die nächste Prüfung weiterlernen. Ich beschloss mich von der Außenwelt, die sich ja ohnehin gegen mich verschworen hatte, abzukapseln. Und es half. Ohne äußere Reize lag der Fokus wieder auf mir. Auf meinen Fähigkeiten. Ich fühlte mich auserwählt. Höher bestimmt. Als hätte sich vor mir ein größeres Bild aufgetan – eines, das nur ich sehen konnte. Ich war überzeugt: Es gab niemanden auf der Welt, der mir intellektuell hätte das Wasser reichen können. Mein Gehirn arbeitete in einem Takt, den sonst niemand verstand. Schlaf wurde zur Nebensache, seit Tagen schon. Ich brauchte kein Essen. Keinen Input. Nur meine Gedanken – und Wasser. So vernünftig war ich immerhin noch. Ich holte einen Sixpack Wasser aus der Küche und schloss mich in mein Zimmer ein. Meiner Mutter und Freundin sagte ich, dass ich allein mit dieser Mission fertig werden müsse. Sie machten sich Sorgen. Ich wurde laut. Ich war aggressiv. Ich war überzeugt, dass sie mich aufhalten wollten – mich, denjenigen, der dabei war, den Sinn des Lebens zu entschlüsseln.
Meine Mutter rief den Notarzt. Bevor der Rettungsdienst kam, ging ich noch ins Bad. Mir war klar, dass mir eine längere Reise bevorstand. Ich sah in den Spiegel; das Gesicht, das mich anblickte, war eingefallen vom Schlafentzug, die Augen grau umrandet, mager.
Ich kam mir schön vor.
Erhaben.
Philosophisch.
Bereit.
Als die Sanitäter ins Bad kamen, sagte ich, dass ich noch einen Augenblick brauche. Ich putzte mir in Ruhe die Zähne. Dann machte ich mich auf den Weg. Nicht die Rettungskräfte begleiteten mich. Ich begleitete sie. Ich erklärte ihnen, dass ich beinahe übermenschliche Fähigkeiten hatte. Ich konnte Gespräche aus der Ferne hören, Gedanken anderer lesen. Ich war wach, klar – und vollkommen überreizt. Trotz meiner wirren Gedanken war es mir möglich, mich verständlich auszudrücken. Als ich in der Notaufnahme einer Ärztin gegenübersaß, wusste ich: Jetzt ist der Moment. Jetzt muss ich ihr zeigen, was ich erkannt habe. Ich sagte ihr, dass ich nun bereit sei, der Welt den Sinn des Lebens zu erklären. Zimmer Nummer 8 – die seitlich gelegte Acht, Symbol für Unendlichkeit. Ich lächelte. Alles fügte sich. Sie sah mich an – ein wenig erstaunt, ein wenig verwundert. Für mich war das der Beweis, dass sie es verstand. Dass ich angekommen war. Ich erklärte ihr, dass ich der Mensch war, der in der Lage war, jedem Menschen alles zu erklären.
Wenig später kam ein Arzt mit einem medizinischen Gerät. Darauf stand „Schiller“. Ich lachte innerlich. Natürlich. Noch ein Zeichen. Sie hatten verstanden: Ich war ein Dichter, ein Denker – einer der Großen.
Ich kam auf die geschlossene Station.
In meinem aktuellen Zustand war ich eine Gefahr für mich selbst. Mein Vater begleitete mich aufs Zimmer. Ich war noch immer voller Überzeugung. Ich sagte ihm, dass ich der klügste Mensch der Welt sei. Dass er sich nicht zu schämen brauche, weil er – in meinen Gedanken – Analphabet sei. Ich war gekommen, um ihm das Leben zu zeigen, das über Arbeit hinausgeht.
Ein Pfleger brachte mir Tabletten. Mein Vater forderte mich auf, sie zu nehmen. Ich gehorchte. Nicht aus Einsicht, sondern aus Enttäuschung. Er hatte es nicht verstanden. Er hatte mich nicht erkannt. Ich war gekommen, um die Menschheit zu erlösen – und er wollte nur, dass ich mich wieder dem System füge.
Dann musste er gehen.
Und dann kam: Leere.
Hier endet der Prolog. Was danach kam – die Klinik, die Rückfälle, der Weg zurück – erzählen die dreizehn Kapitel des Buches.
Erscheint am 26. Oktober 2026 für 19,90 €. Die Leseprobe umfasst 12 Seiten, ohne Registrierung.
© FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener
Der Autor
Aleksej Jasincuk wurde 1994 in Kasachstan geboren und wuchs in Deutschland auf. Zu Beginn seines Studiums erlebte er seine erste Psychose und erhielt die Diagnose Schizophrenie. Trotz der Erkrankung schloss er sein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens mit dem Master of Science ab. Heute arbeitet er im wissenschaftlichen Umfeld und promoviert im Bereich Energietechnik. Daneben hat er mehrere Unternehmen gegründet. Seine Biografie verbindet damit zwei Welten, die in der öffentlichen Wahrnehmung selten zusammengehören: eine schwere psychische Erkrankung auf der einen und akademischen sowie unternehmerischen Gestaltungswillen auf der anderen Seite.
Heute lebt Jasincuk stabil mit seiner Erkrankung. Mit Zwischen Genie und Wahnsinn gibt er einen persönlichen Einblick in eine Realität, die für Außenstehende oft nur schwer nachvollziehbar ist. Er möchte Schizophrenie verständlicher machen, Vorurteile und Stigmatisierung abbauen, Angehörigen die Innenperspektive einer Psychose näherbringen und Betroffenen zeigen, dass die Diagnose nicht das Ende eines selbstbestimmten und ambitionierten Lebens bedeuten muss.
Kontakt und Presse
Für Presseanfragen, Rezensionsexemplare und Lesungen genügt eine kurze Nachricht.
- E-Mailkontakt@aleksej-jasincuk.de
- PressebereichPressemitteilung, Mappe und Bildmaterial
- Beratunglxz-consulting.de